von Rico Obenauf
Wer in den 80er Jahren in den neuen Bundesländern aufgewachsen ist, kann mit dieser Liedzeile bestimmt etwas anfangen.
Noch nicht?
Dann stelle man sich einen älteren Mann mit der Frisur vom ehemaligen Kreiskämmerer Rainer Schinkel vor und gebe ihm eine Gitarre.
Immer noch nicht?
Dann löse ich auf. Das Lied ist von Reinhard Lakomy. Auf seiner ersten Kinderliederplatte „Geschichtenlieder“ besang er den: Regenbogen.
Dieser spielte in der heutigen Gemeindevertretersitzung eine nicht unwesentliche Rolle. Die Mitglieder des Kinder- und Jugendbeirats baten darum, die ebenso gezeichnete Flagge zukünftig während des sogenannten Pride-Monats Juni am Rathaus zu hissen. Ganz so, wie es über 80 Städte des Landes auch machen: Leipzig, Berlin, Frankfurt am Main. Aber auch kleine Städte wie Birkenwerder sind dabei.
Dabei steht die Flagge für Toleranz und Vielfalt. Das Motiv des Regenbogens ist dabei nicht neu. Als Symbol wurde er seit vielen Jahrhunderten genutzt. So zum Beispiel von Thomas Müntzer als Symbol der Verbindung zwischen Himmel und Erde beim Bauernaufstand in Mühlhausen.
Oder beim Weltfriedenskongress kurz vor dem ersten Weltkrieg. Dort wurde das Naturschauspielmotiv als Friedensflagge ausgewählt. Keine Farbe solle sich ausgeschlossen fühlen und alle stehen gleichberechtigt nebeneinander. Seit 1961, dem Jahr des Mauerbaus, ziert das berühmte „PACE“ diese Flagge, italienisch für „Frieden“.
Seit den späten Siebzigern nutzt die Schwulenbewegung eine leicht abgewandelte Fahne. Vorausgegangen war ein Mord an einem schwulen Stadtrat aus San Francisco und der Legende nach habe man sich dabei an das berühmte Lied aus dem Film „Der Zauberer von Oz“ angelehnt, denn eben am Ende des berühmten Regenbogens sei das Paradies. Das friedliche Miteinander aller fand so seinen gemeinsamen Nenner.
So friedlich die Intention der Flagge, so unterirdisch war die Diskussion dazu in der Gemeindevertretung in Neuenhagen.
Nun, man kann sich auch dagegen aussprechen. So mag man wie Klaus Ahrens (CDU) den geheiligten Boden des Rathauses von jedem Einfluss politischer Prägung freihalten wollen. Oder wie im Kulturausschuss gesagt wurde (ebenfalls CDU) die Beflaggung ohne Beschluss dem Bürgermeister überlassen. Stephan Zahn (AfD) pflichtete dem prinzipiell bei und sehe die Möglichkeiten an anderen Gebäuden als dem Rathaus als ausreichend an. Diese Auffassung mag technokratisch oder gar hartherzig daherkommen, verboten ist sie nicht.
Tilo Albert (AfD) erklärte der Runde, dass man sich doch auch auf die drei Farben schwarz-rot-gold konzentrieren könne. Hier zog der eine oder andere schon die Augenbrauen nach oben.
Richtig Unruhe kam dann aber auf, als Bürgermeister Scharnke (die Parteilosen) erklärte, die Flagge würde die Gesellschaft spalten und dass er den Antrag auch als Einbringer nicht unterstützen werde.
Dem entgegnete Rico Obenauf (Freie Mitte), dass die Gesellschaft gespalten werde, weil es bestimmte Kräfte so wollen und die Flagge, die für das Gegenteil steht, durch Diskussionen wie zu diesem eigentlich einfachen Antrag beschädigt werde. Da helfen auch die vergifteten Lobeshymnen auf die Arbeit des Kinder- und Jugendbeirates nichts.
Auch die Versuche von Anne Prokoph (B90/Die Grünen), durch eine Änderung des Textes dem Bürgermeister die spalterische Wirkung nur tageweise, statt einen Monat lang zuzumuten, half nix. Der Änderungsantrag wurde abgelehnt.
Die Verwirrung war sodann komplett, als Stephan Zahn für die AfD die namentliche Abstimmung beantragte.
Diese Debatte war ein neues trauriges Kapitel in der Gemeinde. Ja, man kann mit der richtigen Begründung auch dagegen stimmen oder Zeitraum und Gebäude ändern. Vieles hätte die Situation retten können. Doch nicht an diesem Abend. Am Ende wurde namentlich der Antrag der Jugendlichen mehrheitlich abgelehnt und dabei noch die Flagge durch den Schmutz gezogen.
Es ist wohl der Zeitgeist. Die Welle der Intoleranz schwappt immer mehr auch in Deutschland ein.
Und am Ende tut mach noch so, als ob man der Befürworter der Beflaggung als Zeichen für Toleranz unbedingt namentlich habhaft werden müsse. So als seien sie die Bedrohung.
Vielleicht sollten wir Erwachsenen mal wieder mehr Kinderlieder singen. Die echten Werte scheinen uns offensichtlich mehr und mehr zu fehlen.
Ich hätte da eins:
„Rot, orange und gelb und grün, sind im Regenbogen drin
Reinhard Lakomy – Wer den Regenbogen sieht
blau und indigo geht´s weiter auf der Regenbogenleiter
und zum Schluss das violett
sieben Farben sind komplett.“
War das Leben damals schön…
Edit: In einer früheren Version habe ich behauptet, Kai Epperlein hätte den Antrag auf namentliche Abstimmung gestellt. Tatsächlich wurde der Antrag von Stephan Zahn (AfD) gestellt und Kai Epperlein hat den Antrag nur sinngemäß wiederholt und sich als zuständiges Präsidiumsmitglied auf die namentliche Abstimmung vorbereitet. Ich bitte, die Verwechselung zu entschuldigen.
